30.07.2026

Redispatch-Vorbehalt: Welche Vorranggebiete für Wind sind gefährdet?

Rund 22 % der noch unbebauten Vorranggebiete für neue Windparks in Bayern wären vom geplanten Redispatch-Vorbehalt betroffen – in Brandenburg sogar 44 %. Was das für Projektentwickler bedeutet und warum das kein Zufall sein sollte.

Rund 22 % der noch unbebauten Vorranggebiete für neue Windparks in Bayern wären vom geplanten Redispatch-Vorbehalt betroffen. In Brandenburg sogar 44 %. Das klingt nach einer Randnotiz – ist es aber nicht.

Mit dem Beginn der parlamentarischen Sommerpause verzögert sich auch die Verabschiedung des „Netzpakets“ der Bundesregierung mit dem heiß diskutierten Vorschlag zum „Redispatch-Vorbehalt“ (RDV). Konkret bedeutet das: Wer eine neue Anlage in einem netztechnisch belasteten Gebiet baut, verliert bei Abregelung (Redispatch) den Anspruch auf Entschädigung für entgangene Erlöse. Ein erhebliches wirtschaftliches Risiko für Projektentwickler.

In welchen Regionen der RDV greifen würde, haben wir im Februar in unserem Blog analysiert. Nun gehen wir tiefer: Wie viele ausgewiesene Vorranggebiete für Wind (VR Wind) wären betroffen – und was bedeutet das für die Planung?

Der Hintergrund: Hundert Planungsregionen, Tausende VR Wind

In Deutschland gibt es 102 Planungsregionen, die mit Festlegungen zur Raumordnung in Regional- oder Raumordnungsplänen die Nutzung des öffentlichen Raums steuern und bei der Planung neuer Wind- oder Solarparks zu berücksichtigen sind. 78 dieser Regionen haben Vorranggebiete für Windenergie (VR Wind) rechtskräftig ausgewiesen. Bei 68 liegen Entwürfe für weitere vor. In Summe: rund 4.000 VR Wind in Kraft und rund 7.300 VR Wind im Entwurf bundesweit.

Die entscheidende Frage für Projektentwickler: Welche davon sind noch unbebaut – und welche würden unter den RDV fallen? Denn genau dort ist die Projektierung neuer Windparks mit einem hohen wirtschaftlichen Risiko verbunden, sollte das Netzpaket nach der Sommerpause verabschiedet werden.

Die Datenlage: Schwer zugängliche Redispatch-Daten

Leider veröffentlichen nur wenige Netzbetreiber Redispatch-Daten in einer für Dritte nachvollziehbaren Form. Die folgende Analyse ist daher auf Bundesländer beschränkt, für die Daten für mehr als 50 % der Landesfläche vorliegen.

Windenergiegebiete und Betroffenheit durch Redispatch-Verpflichtung (RDV) nach Bundesland
BundeslandStatusGesamtUnbebautRDV betroffen
Bayern1In Kraft906728158 (22 %)
In Entwurf1.2731.154240 (21 %)
Brandenburg1In Kraft1214118 (44 %)
In Entwurf168443 (7 %)
Mecklenburg-Vorpommern1In Kraft74318 (26 %)
In Entwurf26422026 (12 %)
Schleswig-Holstein1In Kraft293664 (6 %)
In Entwurf53424535 (14 %)
Niedersachsen2In Kraft97626714 (5 %)
In Entwurf1.7141.28998 (8 %)
Sachsen-Anhalt2In Kraft131194 (21 %)
In Entwurf220666 (9 %)

1 Öffentlich zugängliche Redispatch-Daten für über 75 % der Landesfläche

2 Öffentlich zugängliche Redispatch-Daten für über 50 % der Landesfläche

Die Zahlen: Zahlreiche unbebaute VR Wind bereits jetzt betroffen

In absoluten Zahlen dominiert Bayern: 158 betroffenen Gebiete in Kraft, 240 im Entwurf - jeweils rund jede Fünfte ausgewiesene Fläche wäre betroffen. Und das bezieht sich nur auf die Gebiete wo mehr als 3% der Energiemenge abgeregelt werden (siehe Abbildung 1). In vielen Regionen werden bereits 2 bis 3% abgeregelt. Steigt der Wert nächstes oder übernächstes Jahr auch hier auf über 3%, wäre in Bayern rund jedes Dritte unbebaute VR Wind betroffen.

Besonders auffällig ist Brandenburg. Dort sind 44 % der unbebauten VR Wind in Kraft betroffen (18 von 41) – aber nur 7 % der VR Wind im Entwurf (3 von 44). Eine ungewöhnlich große Streuung.  

Fast so, als hätten sich Netzbetreiber und Planungsregionen abgesprochen, neue Gebiete gezielt in netzverträglichere Lagen zu legen. Das wäre wünschenswert – ist aber wahrscheinlich Zufall. In Schleswig-Holstein ist das Verhältnis nämlich umgekehrt: 6 % der in Kraft befindlichen, aber 14 % der Entwurfs-VR Wind wären betroffen. Ein Muster gibt es nicht.

Und genau das ist das eigentliche Problem: Es sollte kein Zufall sein. Solange neue VR Wind ausgewiesen werden, ohne Redispatch-Belastung systematisch zu berücksichtigen, riskieren Planungsregionen, Flächen zu schaffen, die der RDV wirtschaftlich unattraktiv macht – bevor der erste Turm steht. Das Ergebnis: Der Ausbau der Erneuerbaren wird zwischen Netzoptimierung und Planungsrecht zerrieben.

Sollte der RDV kommen, wäre eine verbindliche Abstimmung zwischen Netzbetreibern und Planungsregionen unumgänglich. Sinnvoller wäre es, den Fokus auf die Netzertüchtigung selbst zu legen:  schnellerer Ausbau und mehr Flexibilität durch Stromspeicher. Hunderte Gigawatt an Speicherleistung sind bereits geplant – und warten auf Netzanschluss.


Was das für dich als Projektentwickler bedeutet

Bevor du in ein VR Wind investierst: Prüfe, ob das Gebiet voraussichtlich vom RDV betroffen wäre. In dvlp siehst du auf einen Blick, welche VR Wind und VR Wind im Entwurf in den jeweiligen Planungsregionen in einer netztechnisch belasteten Zone liegen – und wie stark der historische Redispatch in den letzten drei Jahren war.  

Abbildung 1 zeigt wie dvlp Nutzer:innen im web-GIS sehen, welche VR Wind voraussichtlich vom RDV betroffen wären.  

(Abbildung 1: VR Wind und VR Wind im Entwurf in Bayern – rot markiert die vom RDV voraussichtlich betroffenen Gebiete. Farbgebung zeigt den Durchschnittswert des jährlichen Redispatch im Verhältnis zur gesamten Erzeugungsmenge der letzten drei Jahre: Rot > 3 %, Orange 2–3 %, Gelb 1–2 %, Grün < 1 %, Transparent = keine Netzbetreiberdaten verfügbar.)

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